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 Vorliebe für Bösewichte 

Jörg Outzen liebt Rollen, die ganz anders sind als sein eigenes Naturell. Im Chef-Inquisitor Jan von Mödder, den er bei den Domfestspielen spielt, hat der Wahl-Verdener genau eine solche Rolle gefunden. 

Von Susanne Ehrlich

Wenn man ihm ins Gesicht schaut, will es einfach nicht gelingen, sich Jörg Outzen schrecklich böse und fies vorzustellen. Doch so zu sein, das muss er zurzeit ordentlich üben. Denn im Stück "Die rebellische Hexe" ist er der Chef-Inquisitor Jan von Mödder, eiskalt, skrupellos und nur seinem eigenen rigiden Moralkodex verpflichtet – ein Freelancer des ausgehenden Mittelalters.

"Mir machen sowieso eher Rollen Spaß, die ganz anders sind als mein eigenes Naturell", erklärt Outzen. "Und diese ganz ruhige, hinterhältige Art, so ein bisschen perfide wie Voldemord in 'Harry Potter', das kann ich ziemlich gut". Als Inquisitor hat er im Stück eine beinahe uneingeschränkte Macht. "Das fühlt sich richtig gut an", findet der gebürtige Holsteiner, der erst seit 2012 in Verden lebt. "Jeder hat ja positive und negative Seiten in sich, und es macht mir richtig Spaß, das Böse mal so'n bisschen auszuspielen."

Theaternarr seit Kindesbeinen

Der 53-Jährige ist Theaternarr seit Kindesbeinen – da ist er bei den Domis durchaus nicht der Einzige. "Ich habe Anfang der 80er-Jahre mit Schülertheater angefangen, meine erste Rolle war ganz klassisch ein Hirte in der Weihnachtsaufführung." In einer Jugendtheater-Gruppe an seinem Heimatort Selent in der Nähe von Kiel erwarb er sich erste Routine, spielte dann mit einer Laienspielgruppe plattdeutsche Schwänke. "Unser Nachbar hat mich dazu überredet, man brauchte grade einen 'jugendlichen Liebhaber'." Doch Outzen hatte so seine eigene Vorstellung vom Theaterspielen. Als er 2005 beruflich von der Ostsee in den Deister ziehen musste, gründete er in Bredenbeck selbst eine Theatergruppe. "Damals habe ich alles organisiert: die Kulissen gebaut, die Stücke ausgesucht und inszeniert und auch mit auf der Bühne gestanden." Jedes Jahr zehn bis zwölf Aufführungen, alles rein ehrenamtlich. "Da mussten wir sogar noch Geld mitbringen", erzählt Outzen lachend. "Wir haben dafür bezahlt, dass sich die anderen amüsieren konnten." Aber man merkt ihm an, dass er es genau so haben wollte und bis heute will – so ist das eben mit dem Theatervirus.

Als er mit seiner Familie nach Verden zog, hatte er sich deshalb schon mal abgesichert: "Das war vor dem Umzug meine erste Frage: Gibts dort Theater?" Kurzerhand setzte er sich mit Hiltrud Stampa-Wrigge in Verbindung, und seit 2013 spielt er auf der Allerbühne. Als im vergangenen Jahr wegen Corona fast gar nichts ging, war er der einzige Darsteller des von Stampa-Wrigge inszenierten Solostücks "Heute wieder Hamlet". Mit dem Stück um einen alternden Vorhangzieher mit eigener Schauspielerfahrung reiste er sogar an seinen Heimatort Selent. "Das war ein ganz tolles Erlebnis", findet Outzen, der daraus gleich eine neue große Idee entwickelt hat. "Ich möchte im nächsten Jahr ein Theaterfestival für Laienbühnen ins Leben rufen, damit die Leute mal die Chance haben, vor fremdem Publikum zu spielen." Mit der Stadt sei er bereits im Gespräch.

Erstmals bei den Domfestspielen

Bei den Domfestspielen ist er zum ersten Mal dabei: "Es hat vorher beruflich nie gepasst." Umso begeisterter ist er jetzt: "Ich hatte zuvor nie etwas Vergleichbares erlebt. Das ist eine tolle Geschichte." Obwohl die Domis eine eingeschworene Gemeinschaft seien, sei er sofort offen und kollegial aufgenommen worden. Inzwischen gebe es auch engere Kontakte. So haben sich Inquisitor und Bischof schon mal auf ein Bier getroffen oder im Garten mit ihren Frauen gegrillt.


Von Hans Königs Regiearbeit ist er sehr beeindruckt und nutzt jede Gelegenheit, zu beobachten, wie das Stück während der Proben immer mehr zusammenwächst. "Das ist schon großartig. Ein kontrolliertes Chaos. Alles sieht so willkürlich aus, aber es ist bis ins Detail durchchoreografiert."

Schauspieler haben Spielraum


Besonders gut gefällt ihm, dass er viel Spielraum hat, seine Rolle zu gestalten. "Den gibt uns Hans König. Man bietet ihm etwas an, und dann arbeiten wir zusammen damit." Natürlich kann er nicht innerlich hinter einer solchen Rolle stehen. Aber er hat einen Trick, um sich richtig einzustimmen: "Ich rede mir alle Leute schlecht, sehe in jedem Gegenüber einen Feind, und dann kann ich selbst auch feindselig sein." Dabei könne er auch richtig gut projizieren: "Ich kann alles ausleben, worauf ich eine Wut habe."


Der Inquisitor schüchtert das Volk von Verden mit großer Härte ein, erklärt, wie es sich zu verhalten habe, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen. Sogar den Bischof versetzt er in Schrecken: Der hat mich zwar engagiert, aber für ihn geht das nach hinten los." Jan von Mödder stehe total über den Dingen, sei sein eigener Herr und Meister und überhaupt nicht daran interessiert, sich Freunde zu machen. "Im Gegenteil, bei der Hexenjagd ist er voll in seinem Element." Aber soll denn wirklich das Böse gewinnen, oder kriegt der fiese Inquisitor am Ende auch sein Fett weg? Jörg Outzen möchte darüber nicht zu viel verraten. Wer es also genau wissen möchte, muss selbst dabei sein. Denn schon in wenigen Wochen geht die Premiere der Domfestspiele 2022 über die Bühne.