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 Für jedes Problem eine Lösung 

Domfestspiele Verden: Ilse Schubert zaubert aus alltäglichen Dingen passende Bühnenrequisiten und verpasst Neuem bei Bedarf einen alten Look. Von der Schauspielerei wechselte sie vor Jahren hinter die Bühne.

Von Susanne Ehrlich

Wenn auf der Bühne blutverschmierte Waffen, räudige Ratten, brutale Fußfes­seln oder ein grausiges Henkersschwert zu sehen sind, hat Ilse Schubert ihre Hand im Spiel. Als Requisiteurin der Domfestspiele ist sie dafür verantwort­lich, dass auf der Bühne alles echt und natürlich aussieht. Alte Gegenstände aufzustö­bern, Neues alt aussehen zu lassen und für jede Szene die passenden Requisiten zu liefern, ist ganz genau ihr Ding.

Das aufregende Sammelsurium, das sie in ihrem blauen Container bereithält, stammt zum Teil aus dem Fundus, wie zum Beispiel der große Badezuber, den man schon 2017 voll kaum bekleideter Herren bewundern konnte, zum Teil musste es eigens für die Produktion 2022 angeschafft werden, wie das Scharfrichterbeil und die grob geschmiedeten Hand­schellen und Fuß­fesseln, die von Uli Schmied aus Heesen in der Gemeinde Hilgermissen für die "Rebellische Hexe" hergestellt wurden.

Neu erfunden

Aber am spannendsten sind die Dinge, die sie aus Vorhandenem und Improvisiertem für den jeweiligen Be­darf neu erfindet. Da ist ein klappriger Bader-Karren mit einem Fässchen, in dessen Wasser nach dem Zahnziehen die blutigen Instrumente abgespült werden. Vor ihrem Einsatz hängen die Zangen und Zwickeisen außen am Karren und lehren jeden das Fürchten. Auch die räu­dige tote Ratte, die Kinder im Stück auf der Straße finden, ist ein tolles Ding. Nachdem es durch Ilse Schuberts ge­schickte Hände gegangen ist, ist dem arg mitgenommenen, struppigen Scheusal nicht anzumerken, dass es einst ein Ikea-Kuscheltier war.

Wie so viele der Domis hat auch Ilse Schubert bei einem bestimmten Ereignis Theaterblut geleckt. Das schmeckt üb­rigens nach Erdbeeren, wie sie lachend verrät. Bei ihr war es eine plattdeutsche Aufführung des "Sommernachtstraums" auf dem Thedinghauser Erbhoffest 2001. "Da war ich der Puck", erzählt sie. "Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mich 2003 dann für die Domfestspiele beworben habe. Beim 'Mauerstreit' hatte ich gleich zwei Rollen als Magd und als Mutter der jungen Liebschaft." Im Jahr 2005 sei sie der "Besoffene Arzt" gewe­sen, doch 2011 übernahm sie erstmals die Requisite. "Ich bin da so reinge­rutscht, aber ich habe schnell gemerkt, dass das für mich die ideale Aufgabe ist." Ob sie es manchmal vermisst, selbst auf der Bühne zu stehen? "Nein, über­haupt nicht. Das Tüfteln macht mir Spaß, das Um-die-Ecke-denken oder das kreative Umfunktionieren von Gegens­tänden. Das mache ich zu gerne."

Nur so kann man auf die Idee kommen, anstelle einer normalen Babypuppe ein Baby aus einem Eltern-Training zu be­sorgen: Es hat dasselbe Gewicht wie ein junger Säugling, sodass seine Theater-Mutter ein ganz natürliches Tragever­halten zeigt. In der Phase, in der die Szenen entwickelt werden, muss die Re­quisiteurin für tausend Einfälle der Re­gie tausend Ideen liefern.

"Hans König fragt: 'Ilse, hast du ...?', und dann muss man aus egal was ganz schnell irgendwas zaubern." So merkt man schon in den Proben, ob eine Idee funktioniert. "Es ist wichtig, dass alles echt aussieht und sich auch so anfühlt." Während der Proben könne man zum Beispiel Plastikgeschirr benutzen, aber im Stück muss es Porzellan sein: "Der Klang muss ja stimmen." Das gilt auch für die Mahlzeit des Bischofs: Nicht nur bei den Aufführungen, sondern auch schon während der Proben wird ihm Suppe mit Brot serviert. "Ich koche und backe das jedes Mal frisch, denn er muss ja mit vollem Mund sprechen und dabei auch kauen und schlucken." Kochen, ba­cken, nageln, feilen, schrauben, anma­len, Ledertaschen nähen, neue Dinge auf alt trimmen, saubere Stoffe schmutzig und Waffen oder Zangen blutig machen – in der Requisitenwerkstatt sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Schmiedeeiserne Handschellen

Beklemmend echt sehen die Fußfesseln aus; sie wiegen mehrere Kilo pro Fuß, und man kann sich mit ihnen nur schlur­fend bewegen. Ebenso wie bei den schmiedeeisernen Handschellen muss man sich da fast um die zarten Glieder der Hexe Sorgen machen. Aber Ilse Schubert hat beides innen weich gefüt­tert – für die Zuschauer unsichtbar.

Faszinierend sind die Requisiten für die Malstunde des Bischofs. Er möchte Cra­nachs Bildnis von der Familie Herodes mit dem Haupt des Johannes nachmalen. Dafür hat die Requisiteurin ein raffi­niertes Tisch-Imitat erfunden, aus dem oben der bleiche Kopf des Täufers her­ausschauen kann. Auch eine Staffelei mit dem halbfertigen Bildnis hat sie her­beigezaubert, und in der Szene müssen die Mätressen dem Bischof gemeinsam mit dem armen Majordomus, von dem nur der grausig geschminkte Schädel zu sehen ist, Modell stehen. So gibt es bei jedem einzelnen Gegenstand viel zu se­hen und noch mehr zu erzählen.     

Und auch wenn sie viel Zeit in ihren blauen Containern verbringt, in denen Werkstatt und Lager untergebracht sind, ist das alles andere als ein einsamer Job. "Ich habe ja ständig mit allen zu tun, bin bei allen Proben dabei, kann sogar beim Bühnenbild mitmischen." Außerdem ist ihr Mann ständig mit auf dem Platz. Als Zuschauer hatte Patrick Honsel sie beim Sommernachtstraum fest ins Auge ge­fasst, hatte sich nach der Vorführung getraut, sie anzusprechen "und hat mich seitdem nicht mehr losgelassen", lacht die jung gebliebene Rentnerin. Wenn das keine Theaterromantik ist.

"Als ich zum ersten Mal die Dom­festspiele mitgemacht habe, hat er gesagt, was soll ich allein zu Hause rumsitzen?" Seitdem ist Honsel Kulissenschieber und helfende Hand für alles, was sich hinter der Bühne abspielt. "Das ist für uns ein schönes gemeinsames Hobby", freut sich Ilse Schubert. "Diese Zeit ist immer et­was ganz Besonderes für uns, so schön aufregend, man lernt immer was Neues und hat tolle Erfolgserlebnisse. Und wenn man schon im Rentenalter ist, kann man da noch mal richtig was bewegen."

WESER KURIER / VERDEN, 21.07.22